Nummer 1: Das Geheimnis der goldenen Schraube

Vierachsiger Schienenzeppelin hat existiert

Etwashausen (Eig. Ber.) Es hat einen vierachsigen Schienenzeppelin gegeben. Das behauptet Wilhelm Föttingmeyer, ein in Fachkreisen über die Grenzen Ostwestfalens hinaus bekannter 79- jähriger Bahnforscher aus Etwashausen. Er beruft sich dabei auf Unterlagen und Fotos aus der Vorkriegszeit, die beim Aufräumen des Hinterzimmers im früheren Etwashausener Dorfkrug, dem heutigen Lagerraum von Getränke-Hoffmann, in seine Hände gefallen seien. Die „Etwaigen Nachrichten“ (EN) hatten die Gelegenheit, Föttingmeyer exklusiv zu seinen Forschungen zu befragen, nach denen die Eisenbahn- und dem Forscher zufolge auch die Modellbahngeschichte wohl umgeschrieben werden müssen. Nachstehend das Gespräch im Wortlaut.

Der vierachsige Schienezeppelin zu Gast in Etwashausen.

EN: Herr Föttingmeyer, Sie glauben beweisen zu können, dass es einen vierachsigen Schienenzeppelin gegeben hat. Wollen Sie unseren Lesern bitte erst einmal erklären, was ein Schienenzeppelin ist?

Föttingmeyer: Ein Schienenzeppelin ist ein Zeppelin auf Schienen. Ganz einfach!

EN: Bitte etwas genauer.

Föttingmeyer: Silbern, lang, leicht, Propeller hinten dran, Räder drunter. Der Unterschied ist, dass kein Helium drin ist. So kann er auch nicht explodieren, haha!

EN: Herr Föttingmeyer, wir müssen doch bitten. Zurück zum Thema. Warum ist es so wichtig, dass es einen vierachsigen Schienenzeppelin gegeben haben soll?

Föttingmeyer: Weil alle Leute glauben, das einzige Exemplar dieses Fahrzeugs sei das mit zwei Achsen gewesen, das 1931 mit 230,2 km/h einen Weltrekord auf Schienen aufstellte. Kennen Sie die die Modellbahnfirma Märklin?

EN: Eigentlich wollten wir hier die Fragen stellen…

Föttingmeyer: Togal, kennen Sie sie oder nicht? (Zieht ungeduldig an seiner Pfeife)

EN: Ja doch.

Föttingmeyer: Na also, diese Firma hat einen vierachsigen Schienenzeppelin hergestellt, und es gibt seit drei Jahrzehnten eine total emotionalisierte Diskussion darüber, ob diese Firma vorbildtreue Modelle herstellt oder nicht. Der vierachsige Schienenzeppelin war sozusagen Wasser auf die Mühlen…

EN: Das ist aber ein schiefes Bild.

Föttingmeyer: …der Märklin-Gegner, schief oder nicht. Keiner hat sich je gefragt, ob da nicht ein Körnchen Wahrheit drinsteckt, wenn die über Jahre hinweg daran festhalten und allen ihren Gegnern trotzen.

EN: Und da haben sie mal versucht, Licht ins Dunkel zu bringen?

Föttingmeyer: Ganz so war es nicht. Ich habe von meinem Schwippschwager, der hier im Hinterhof von Getränke-Hoffmann wohnt, gehört, dass die ihr Lager jetzt auch auf das frühere Kollegzimmer der alten Kneipe ausdehnen wollen. Und da habe ich schnell noch mal unter die Sitze von der Eckbank geguckt. Da lagen massenweise alte Papiere und Fotos drin.

EN: Vom Schienenzeppelin?

Föttingmeyer: Genau. Daraus ging hervor, dass Franz Kruckenberg sich 1930 hier im Dorfkrug in Etwashausen mit Vertretern der Firma Märklin getroffen hat, die von seinen Versuchen mit dem „Schienenzepp“ gehört hatten und ihn unbedingt im Modell nachbilden wollten. „Wir sind der Innovationstaktgeber“, zitiert eines der Protokolle den Märklin-Entwicklungschef, „und wir wollen immer die ersten sein, die alles machen.“

EN: Und da waren sie bei Kruckenberg gerade an der richtigen Adresse?

Föttingmeyer: Und wie. Der hat damals da hinten zwischen Kreiensen und Altenbeken erste Tests mit seinen beiden Schienenzeppelinen durchgeführt.

EN: Wieso „beiden“? Ich denke, es gab nur einen?

Föttingmeyer: Mann, Sie kapieren aber schwer. Es gab zwei. Einen zweiachsigen und einen vierachsigen. Kruckenberg fand den vierachsigen sogar besser. Er hat ihn sogar mit einem goldenen Propeller ausgestattet, damit er geschmeidiger am Wind liegt. „Nicht umsonst benutzt man Gold für Geschmeide“, zitiert ihn das Protokoll.

EN: Und wie kommt Märklin da ins Spiel?

Föttingmeyer: Oh Mann! Der Märklin-Entwickler wollte natürlich den Vierachser produzieren, weil er sich wie Kruckenberg davon mehr Sicherheit im Verkehr versprach. Und Kruckenberg gab ihm die Konstruktionszeichnungen und ließ ihn im Güterbahnhof unter strenger Abschirmung von der Öffentlichkeit neben seinem neuen Horch fotografieren. Er erteilte der Firma die Genehmigung zur Reproduktion erst ab 10 Jahre nach seinem Tod, und auch dann nicht mit Goldschraube, um keine Neiddiskussion aufkommen zu lassen. Außerdem stand in dem Vertrag, dass sie totales Stillschweigen über das Vorbild bewahren müssten. Kruckenberg sicherte sich lediglich einen Abzug von dem Foto, das eines der wenigen war, die damals bereits in Farbe aufgenommen wurden, um die feinen Schattierungsunterschiede zwischen dem dunklen und dem hellen Teil und eben das Gold der Schraube festzuhalten.

EN: Wieso gibt es keine weiteren Bilder von dem vierachsigen Schienenzeppelin?

Föttingmeyer: Das ist ja das Traurige. Zwei Tage, nachdem die Fotos gemacht wurden, verkantete sich das hintere Drehgestell, an dessen Boden Schleifer zur Messung des Luftwiderstandes zwischen Fahrzeug und Schiene angebracht waren, so unglücklich in den Schwellen der Weserbrücke südlich Luchtringen, dass der ganze Schienenzeppelin in den Fluss stürzte. Zwar gilt er an dieser Stelle als relativ seicht; damals aber baggerte die Untere Wasserbehörde gerade das Flussbett neu aus, und ehe sie es merkten, war das Fahrzeug im Weserschlick versunken. Immer wieder haben Abenteurer, die auf irgendeine Weise von dem Unfall erfahren hatten, versucht, mindestens die Schraube zu bergen, aber mir ist nicht bekannt, dass es irgendjemandem gelungen wäre. Im Gegenteil, immer wieder ist vom mysteriösen Verschwinden von Personen an der Weserbrücke zu lesen. Überhaupt wird heute noch im Seniorenheim in der Blumenstraße erzählt, dass, wer die Goldene Schraube dreht, dereinst im Grab rotiert.

EN: Aber irgendwie kommt mir die goldene Schraube doch bekannt vor?

Föttingmeyer: Ja, sie geistert im Märklin-Mythos herum wie die blaue E 63. Angeblich soll es mal eine kleine Auflage des vierachsigen Schienenzeppelins mit goldener Schraube gegeben haben, aber die ist unsinkbar, weil sie auf einem Holzbrett montiert war.

EN: Herr Föttingmeyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Föttingmeyer: Keine Ursache, ich hoffe, Sie haben alles verstanden.

... berichtet regelmäßig in den “Etwaigen Nachrichten” (EN) über die Ereignisse in Etwashausen. Sie erreichen Fritz P. per Elektronischer Post über das Kontaktformular oder über folgende Anschrift:

Reporterlegende Fritz P.
Etwaige Nachrichten
Hauptstraße / Markt
Etwashausen

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