Nummer 47: Krach in letzter Minute abgewendet

Arbeitsniederlegung wurde zur Betriebspause umgewidmet

Etwashausen (Eig.Ber.) Nur wenige Stunden vor einer handgreiflichen Auseinandersetzung ha- ben besonnene Mitarbeiter einen Formularkrieg zwischen dem Bahnpersonal von Etwashausen und Neustadt abgewendet. Hemmschuhleger Walter Vollmer sagte den „Etwaigen Nachrichten“, die Forderung des Personals nach einem „ordentlichen Schluck aus der Pulle“ bleibe aber be- stehen. Er und die anderen etwaigen Bahner hätten keine Lust, als Kanonenfutter im Kleinkrieg gegen die Neustädter zu dienen, wenn die „Großen“ sich nicht einigen könnten. Jetzt solle „wie unter Erwachsenen“ über vernünftige Zusammenarbeit geredet werden.

Die Betriebsversammlung, aus der dann eine einfache Arbeitspause zum Abbummeln von Überstunden wurde. Von links Hemmschuhleger Walter Vollmer, Fahrdienstleiter Hans Neuerburg, Heizer Martin Schell und Lokführer Horst Schulz. Ganz rechts Polizeiobermeister Siegfried Rudolph, solidarisch auf einer Bank streikend, die auf die Verladung nach Neustadt wartete.

Vollmer berichtete, neben einem Grundlagenvertrag, einer Protokollnotiz und drei schriftlichen Nebenabreden wollte der Neustädter Bahnhofsvorsteher von jedem Lokführer aus Etwashausen, der Neustadt anfahren solle, eine Versicherung haben, dass die Betriebskleidung nur in die Reinigung Bahnhofsweg Nummer sieben in Neustadt gebracht würde. Würde sie in andere Filialen gebracht oder gar zu Hause gereinigt, würde man ja total den Überblick verlieren, argumentierten die Neustädter. Etwashausens Bahnhofsvorsteher Jacob Claus hielt dagegen, ohne polizeiliches Führungszeugnis komme kein Neustädter in seinen Bahnhof. Es werde gerade überlegt, ob man nicht einen Feuerlöscher zur Pflichtausrüstung jedes Güterzug-Schlusswagens machen solle. Zur Begründung kön- ne man anführen, dass es von da hinten so weit bis zur Lok sei und Brände anders nicht erstickt werden könnten.
Die Eskalation ging so weit, dass der Güter- zug nach Neustadt in Etwashausen kein Hp1 („Freie Fahrt“) am Hauptsignal bekam, weil der Lokführer es versäumt hatte, nachweisbar in Neustadt gereinigte Betriebskleidung anzuziehen.

Der Güterzug nach Neustadt (links) und der Personenzug nach Wildenranna fuhren einfach nicht ab. Die Fahrgäste suchten sich derweil andere Verkehrsmittel.

Daraufhin erklärte Horst Schulz, der Lokführer des planmäßigen Personenzugs nach Wildenranna, seine Solidarität und weigerte sich von Gleis 1 abzufahren. Vollmer legte einen Hemmschuh hinter ein Rad eines Abteilwagens. Damit war der Etwashausener Bahnhof erst einmal blockiert. Es ging nichts mehr, und die Passagiere hatten das Nach- sehen. Sie verließen nach und nach den Bahnhof und warteten auf den blau-weißen Bus.
Schulz schlug vor, zur Klärung der Sachlage eine Betriebsversammlung einzuberufen. Er telefonierte kurz und forderte Vollmer dann auf, in die alte 74er einzusteigen, wo schon Heizer Martin Schell wartete.
Schulz kuppelte sie von dem Zug ab und fuhr zum Gütergleis vier. Dort hatte er sich mit Fahrdienstleiter Hans Neuerburg verabredet. „Hauptwachtmeister Rudolph ist auch schon da“, freute er sich. Rudolph, der auf einer blauen Bank saß, begrüßte die Ankömmlinge mit den Worten: „Ich bin ein Mitglied des öffentlichen Dienstes. Ich habe Mittagspause. Ansonsten mache ich Dienst nach Vorschrift.“ Streiken durfte er als Beamter ja nicht.
Neuerburg fasste zu Beginn der Beratung kurz das Problem zusammen und schlug „eine Art Generalstreik“ vor, damit die da oben mal wieder zur Räson kommen“. Der Vorschlag fand großen Beifall. Schell, der sich aus der Notfallkiste eine Laterne gegrif- fen hatte, schwenkte den Leuchtkörper hin und her, als wolle er einen Zug zum Stehen bringen, „Wir werden ihnen heimleuchten“, sagte er.
Sie verabredeten, mit Hemmschuhen und Laternen vorzugehen und sich einfach über alle absurd scheinenden Anweisungen ihrer Vorgesetzten hinwegzusetzen. „Das geht aber nicht“, versuchte Rudolph zu protestieren. „Sie haben hier schon mal gar nichts zu sagen. Sie haben Pause“, entgegnete Neuerburg. „Schließlich müssen wir sehen, dass unsere Fahrgäste an ihr Ziel kommen“, pflichtete Scholz bei. „Darauf kommt es zu allererst an.“
„Gut, dann stelle ich jetzt das Ausfahrsignal auf Freie Fahrt, und ihr legt los!“, sagte Neuerburg. „Und den Formularkrieg sagen wir einfach ab! Wem das nicht passt, dem leuchten wir heim.“
Als Jakob Claus von der Absprache Wind bekam, rief er seinen Kollegen in Neustadt an. „Ich glaube, wir sollten unseren Streit begraben. Sonst hat am Ende keiner was davon, und alle sind die Dummen.“ Ich glaube, Sie haben recht“, meinte der Kolle- ge. Damit war der Formularkrieg abgewendet.

... berichtet regelmäßig in den “Etwaigen Nachrichten” (EN) über die Ereignisse in Etwashausen. Sie erreichen Fritz P. per Elektronischer Post über das Kontaktformular oder über folgende Anschrift:

Reporterlegende Fritz P.
Etwaige Nachrichten
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Etwashausen

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