Etwaige Nachrichten
Das Etwashausener Intelligenzblatt - Gegründet 2006
Das Etwashausener Intelligenzblatt
  • Impressum
  • Datenschutz
  • Startseite
Home / Nummer 164: Kuhglockenstreit in Etwashausen

Nummer 164: Kuhglockenstreit in Etwashausen

Geschrieben von Thomas Rietig am 5. Januar 2016

Projekt von Bauer Wolf löst kontroverse Diskussion aus - 

Etwashausen, 06. Januar (Eigener Bericht) In der Stadt ist ein heftiger Streit um die Zulässig­keit von Kuhglocken am Hals von Rindern entbrannt. Einige Interessengruppen sprachen sich dagegen aus, Traditionalisten und allen voran Bauer Hartmut Wolf plädierten dafür. Der Stadtrat sucht nach einem Kompromiss.

Die Kuh auf der Weide. Bald bimmelt ihre Glocke in Konkurrenz zur Bimmelbahn. ©Fotos: Etwaige Nachrichten

Die Kuh auf der Weide. Bald bimmelt ihre Glocke in Konkurrenz zur Bimmelbahn. ©Fotos: Etwaige Nachrichten

Bislang trugen Wolfs Kühe keine Glocken. Vor einigen Tagen aber büxte eines der Tiere über den an die einzige Weide der Stadt angrenzenden Bahndamm aus, und Wolf musste sein ganzes Fährten­sucher-Talent einsetzen, um es im Unterholz des nahegelegenen Waldes wiederzufinden. „Da habe ich mich entschlossen, den Tieren Glocken umzuhängen”, sagte er im Exklusiv-Interview der „Etwaigen Nachrichten”.

Bevor er zur Tat schritt, sprach er am Stammtisch darüber. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn er erntete unerwartet starken Gegenwind. Es formierten sich Fronten im Dorfkrug und mittlerweile auch im Stadtrat, die für beziehungsweise gegen das Geläut auf der Weide plädierten. Der Glöckner der Etwashausener Stadtkirche, Hermann Unruh, wandte sich mit dem Argument dagegen, die akus­tische Zeitanzeige der Turmuhr werde dadurch in der Wahrnehmung beeinträchtigt. Ferner würden die kirchlichen Absichten des Läutens entweiht, „wenn hier jedes Rindvieh unkontrolliert herum­bimmeln kann”. Zu Wolfs Überraschung sprang Bahnhofsvorsteher Jacob Claus dem Glöckner bei. „Am Bahnübergang der Straße nach Neustadt werden die Verkehrsteilnehmer durch das LP-Signal der Lokomotiven gewarnt”, gab er zu bedenken, „da könnten die Kuhglocken irritierend wirken.” Das LP-Schild verpflichtet den Triebfahrzeugführer zur Betätigung des Läutsignals, „bis die Zug­spitze den Bahnübergang erreicht hat” (Signalbuch der DB) und zur mindestens zweimaligen je­weils drei Sekunden langen Betätigung des Pfeifsignals.

Kurze Zeit später hatte sich die Diskussion weit über den Stammtisch hinaus ausgedehnt. Sied­lungsbewohnerin Helga Müller-Lange brachte vor, dass die Tiere durch die schweren und bis zu 113 Dezibel lauten Glocken am Hals gequält würden. „Wahrscheinlich geben sie dann weniger Milch, und das Fleisch schmeckt sicher auch schlechter”, kritisierte sie. „Woher wollen Sie denn das wissen? Sie sind doch Vegetarierin!”, konterte Wolf. Denkmalschützer Hans Kehrwieder grub alte Dokumente zur Stadtgeschichte aus, denen zufolge glockenbehängtes Rindvieh in Etwashausen bis zum späten 19. Jahrhundert an der Tagesordnung war. Das Geläut war und ist mit offizieller Ur­kunde erlaubt. Es endete nur, weil der Glocken-Lieferant, eine Göppinger Metallwarenfabrik, die Produktion zugunsten profitableren Spielzeugs einstellte. Mit den Worten: „Schauen Sie mal, was ich gefunden habe”, präsentierte Kehrwieder stolz die einschlägigen Papiere und eine Märklin-Kuh­glocke aus dem stadthistorischen Fundus.

Die legendäre Märklin-Kuhglocke.

Die legendäre Märklin-Kuhglocke.

Müller-Lange parkte verbotswidrig ihr Mercedes-Cabrio vor dem Rathaus und machte Bürgermeis­ter Wilhelm Meyer einen Besuch, um ihm eine von fünf Anwohnern unterschriebene Petition gegen das Tragen von Kuhglocken in Etwashausen und Umgebung zu präsentieren. Noch bevor sie das Amtszimmer betrat, hatte Polizeiobermeister Siegfried Rudolph dem Daimler schon einen Strafzet­tel verpasst. Auch Meyer runzelte die Stirn. „Ich kann eigentlich nichts dagegen machen”, sagte er unter Verweis auf die Urkunden, die nach wie vor gültig seien.

Müller-Lange erwähnte die zahlreichen Spenden ihres Mannes zur Stadtverschö­nerung und regte einen Stadtratsbeschluss an, mit dem die alte Erlaubnis wegen der neuen Erkennt­nisse über das Tierwohl widerrufen wird. Meyer sagte: „So einfach ist das nicht.” Das einzige, was er machen könne, sei die Einschaltung eines unabhängigen Mediators, auf dessen Empfehlung hin sich der Stadtrat mit der Thematik auseinandersetzen könnte, wenn er das mehrheitlich wolle. Man einigte sich auf Anwalt Michael Fürst. Müller-Lange wollte sogar dessen Honorar übernehmen, woraufhin Meyer sie recht deutlich auf das Ende der Audienz hinwies. Kurz nachdem sie sein Amtszimmer verlassen hatte, erschien sie mit hochrotem Kopf schon wieder in der Tür und be­schwerte sich über das Knöllchen am Scheibenwischer. Meyer, der immer mehr Sympathien für die Glockenidee entwickelte, nahm sich vor, die Beauftragung von Anwalt Fürst aus administrativen Grün­den so lange wie möglich hinauszuzögern: „Die Kuh muss doch irgendwie leichter vom Eis zu kriegen sein.”

In aller Stille verschwindet die Kuh im Stall. Bald wird Glockengeläut sie auf ihren Wegen begleiten.

In aller Stille verschwindet die Kuh im Stall. Bald wird Glockengeläut sie auf ihren Wegen begleiten.

Thema: Nachrichten
Schlagwörter:
Bahn, Etwashausen, Kuhglocke, Landwirtschaft

Thomas Rietig

« Vorheriger Artikel Nächster Artikel »

Finden

Generic selectors
Nur exakte Treffer anzeigen
Suche im Titel
Suche in der Geschichte
Post Type Selectors

EN Archiv

  • Dezember 2025 (1)
  • Dezember 2024 (2)
  • April 2024 (1)
  • März 2024 (2)
  • Januar 2024 (2)
  • September 2023 (1)
  • Juli 2023 (1)
  • Juni 2023 (1)
  • Mai 2023 (1)
  • November 2021 (1)
  • April 2021 (1)
  • Februar 2021 (2)
  • Mai 2020 (1)
  • April 2020 (2)
  • März 2020 (3)
  • Januar 2020 (1)
  • Dezember 2018 (8)
  • April 2016 (1)
  • Januar 2016 (1)
  • Dezember 2015 (1)
  • März 2015 (1)
  • Februar 2015 (2)
  • Dezember 2014 (1)
  • Oktober 2014 (2)
  • August 2014 (1)
  • Juli 2014 (1)
  • April 2014 (1)
  • März 2014 (1)
  • Februar 2014 (1)
  • Dezember 2013 (1)
  • September 2013 (1)
  • August 2013 (1)
  • Juli 2013 (1)
  • Juni 2013 (1)
  • April 2013 (1)
  • März 2013 (1)
  • Januar 2013 (2)
  • Dezember 2012 (3)
  • November 2012 (1)
  • Oktober 2012 (2)
  • September 2012 (2)
  • August 2012 (1)
  • Juni 2012 (1)
  • April 2012 (1)
  • März 2012 (1)
  • Januar 2012 (1)
  • Dezember 2011 (2)
  • September 2011 (1)
  • Juli 2011 (3)
  • Mai 2011 (1)
  • April 2011 (1)
  • März 2011 (1)
  • Februar 2011 (2)
  • Januar 2011 (1)
  • Dezember 2010 (1)
  • November 2010 (2)
  • September 2010 (2)
  • August 2010 (3)
  • Juli 2010 (1)
  • Juni 2010 (2)
  • Mai 2010 (3)
  • April 2010 (1)
  • März 2010 (10)
  • Februar 2010 (2)
  • Januar 2010 (2)
  • Dezember 2009 (1)
  • November 2009 (2)
  • Oktober 2009 (2)
  • September 2009 (1)
  • August 2009 (3)
  • Juli 2009 (1)
  • Juni 2009 (2)
  • Mai 2009 (2)
  • April 2009 (2)
  • März 2009 (3)
  • Februar 2009 (2)
  • Januar 2009 (2)
  • Dezember 2008 (2)
  • November 2008 (2)
  • Oktober 2008 (4)
  • September 2008 (3)
  • August 2008 (4)
  • Juli 2008 (2)
  • Juni 2008 (3)
  • Mai 2008 (2)
  • April 2008 (2)
  • März 2008 (2)
  • Februar 2008 (2)
  • Januar 2008 (2)
  • Dezember 2007 (2)
  • November 2007 (2)
  • Oktober 2007 (3)
  • September 2007 (2)
  • August 2007 (3)
  • Juli 2007 (3)
  • Juni 2007 (4)
  • Mai 2007 (4)
  • April 2007 (6)
  • März 2007 (4)
  • Februar 2007 (5)
  • Dezember 2006 (1)
  • November 2006 (1)
  • Oktober 2006 (2)