Nummer 96: Tage der Offenen Tür für blinde Passagiere

Das Problem der Bahn ist hausgemacht

Momentaufnahme am Bahnübergang Hauptstraße. Geradezu provozierend hockt der blinde Passagier in der offenen Schiebetür des Güterzugbegleitwagens.

Etwashausen, 17. Januar (Eigener Bericht) Blinde Passagiere machen der Bahn immer mehr zu schaffen. Sie besteigen Züge in unbeobachteten Momenten. Erleichtert wird ihnen das, weil Güterzugbegleitwagen und oft auch Gepäckwagen von Personenzügen häufig mit nicht abgeschlossenen oder gar offenen Schiebetüren fahren. Die Bahn will jetzt energischer gegen Schwarzfahrer vorgehen. Einer von ihnen wurde am Sonntag festgenommen.
Das Phänomen war schon tagelang Gesprächsthema an den Stammtischen. Der Regionalbeauftragte der Bundesbahn, Gerhard Schlupp, erklärte die illegalen Reisenden zum Sicherheitsrisiko. „Die gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch den Bahnverkehr insgesamt.“ Außerdem sei es Erschleichung von Leistungen, da gebe es überhaupt kein Vertun. „Wir werden jetzt mit Hilfe der Polizei härter durchgreifen.“ Manche Zeitgenossen betrachteten die illegale Mitfahrt als Kavaliersdelikt, brüsteten sich damit oder winkten bei der Vorbeifahrt an Wohnhäusern geradezu provokativ aus den Güterwagen.
Prinzipiell stimmten ihm die anderen zwar zu, gaben aber doch zu bedenken: „Die brauchen sich nicht zu wundern, wenn die Leute versuchen, kostenlos mit den Zügen zu fahren“, sagte Genoveva, „bei den Preisen.“
Schlupp hob zu einem längeren Vortrag an, um die Preisgestaltung der Bahn zu begründen. Aber die meisten Stammtischgäste winkten ab. Sie hatten die Argumente oft genug gehört.
„Es wird ihnen ja auch leicht gemacht“, ergänzte Bahnhistoriker Wilhelm Föttingmeyer, „wenn die Bundesbahn die Türen sperrangelweit offen stehen lässt. Aber scheinbar hat das bei der Bahn ja Tradition.“ Er kramte ein altes Buch mit Eisenbahnbildern hervor, auf denen zahlreiche Züge in voller Fahrt mit offenen Schiebetüren zu sehen waren.

Schon seit vielen Jahren ist es bei der Bahn üblich, mit offenen Schiebetüren zu fahren, wie diese Dokumentation aus Reichsbahnzeiten zeigt. (Mit freundlicher Genehmigung des Kosmosverlags entnommen aus K. E. Maedel, Die Dampflokzeit (c) 1968 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart")

„Tach der offenen Tür“, lachte Genoveva, „das ist ja köstlich. Und da regen Sie sich auf, wenn die Leute mitfahren?“ Schlupp sah sie sehr kritisch an: „Das ist Beförderungserschleichung! Das macht man einfach nicht.“ Klaus-Dieter Schulze-Hartnack sagte: „Und die Schiebetüren offen lassen, das macht man auch nicht. Was da alles passieren kann!“
Hedwig Munke gab zu bedenken: „Wer kommt eigentlich für den Schaden auf, wenn das Gepäck der zahlenden Passagiere von den Schwarzfahrern geklaut oder auch nur durch die offene Tür rausfliegt bei dem Affentempo, das die Züge manchmal vorlegen?“ Schlupp wurde auch angesichts der eindeutigen Bilder zunehmend kleinlaut. Er versprach, er werde sich dafür einsetzen, dass die Dienstvorschrift strenger umgesetzt wird, nach der Schiebetüren aller Waggons während der Fahrt geschlossen zu halten sind.

Auf diesem Bild wurde zum ersten Mal ein blinder Passagier in Etwashausen beweiskräftig abgelichtet.

Den ersten Beweis lieferte ein Junge mit der Super-8-Kamera seines Vaters aus dem dritten Stock des Sozialbaus am Bahnübergang. Verschwommen aber dennoch eindeutig war auf einem kurzen Film ein Passagier im Güterzugbegleitwagen zu erkennen. Wenige Tage später sah eine ganze Reihe Wartender am selben Ort wieder einen Schwarzfahrer.
„Wir haben dann ein Zeichen des Stellwerkspersonals mit den Lokführern vereinbart. Drei Tage später war es so weit: Wieder fuhr einer im Begleitwagen mit. Die Stellwerker sahen das und gaben dem Lokführer das verabredete Zeichen, und der Zug fuhr außerplanmäßig ins Gleis vier des Güterbahnhofs. Dort halfen Polizei und Offizielle der Bundesbahn dem Mann aus dem Wagen und nahmen ihn erst einmal fest. Seine Rechtfertigungen, die Tür sei doch offen gewesen und haben zur Mitfahrt geradezu eingeladen, half ihm erst einmal nichts.
Am Abend beim Stammtisch saß ausnahmsweise auch Anwalt Michael Fürst. Als er die Geschichte hörte, sagte er: „Das ist ja interessant. Vielleicht können wir es ja so hindrehen, dass der Mann nur einer offensichtlichen Einladung durch das Offenlassen der Schiebetür gefolgt ist und sich nichts dabei gedacht hat. Ich übernehme den Fall“, schloss er, „und zwar kostenlos. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen.“

Erfolgreiche Festnahme. Die Bahn hofft, dass das abschreckend wirkt.

... berichtet regelmäßig in den “Etwaigen Nachrichten” (EN) über die Ereignisse in Etwashausen. Sie erreichen Fritz P. per Elektronischer Post über das Kontaktformular oder über folgende Anschrift:

Reporterlegende Fritz P.
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Etwashausen

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