Nummer 97: Ende eines Wartehäuschens

Überbleibsel aus alten Zeiten muss Holzlageplatz weichen

Abschied von dem alten Wartehäuschen: Der Unterstand wird auf einen Rungenwagen verladen. Er musste einem Holzlagerplatz weichen.

Etwashausen, 31. Januar (Eigener Bericht) Das Wartehäuschen am Güterbahnhof gibt es nicht mehr. Es musste einem Holzlagerplatz weichen. Die Holzindustrie in der Gegend von Etwashausen und Wildenranna gewinnt immer mehr an Bedeutung, und so wurde ein erster Zwischenlagerplatz am Güterbahnhof nötig. Ganz ohne Proteste ging die Demontage des mehr als 50 Jahre alten Unterstands jedoch nicht ab.
Genoveva F. zum Beispiel war gar nicht einverstanden mit der Maßnahme: „Ich habe hier bei langen Spaziergängen immer mal ausgeruht“, sagte sie. Besonders bei Regen oder Schnee ist es gut zu wissen, dass es einen Unterstand gibt. Traditionsbeauftragter Herwig Stier erläuterte den „Etwaigen Nachrichten“ die Geschichte des Häuschens: „Das stammt noch aus der Zeit, als ein Schienenbus mit Bahnbeamten und anderen Mitarbeitern stündlich hierher gefahren ist. Wo jetzt der Kran steht, war die Endstation.“
Als dann immer mehr Güter umgeschlagen wurden, errichtete die Bahn den großen Stahlkran mit den kräftigen Motoren. Für das Wartehäuschen gab es eine Ausnahmegenehmigung von dem Verbot, Gebäude im Schwenkbereich des Krans aufzustellen. „Da der Kranausleger sowieso kaum weiter als bis zum Gleis 4 drehte, glaubte die Verwaltung den Unteerstand stehen lassen zu dürfen“, sagte Güterbahnhofschef Jürgen Vogel. Und so blieb das Häuschen erst einmal stehen, und mancher Ladearbeiter setzte sich dort zur Mittagspause hin. Kaum jemanden störte es, dass das Häuschen wie eingeklemmt wirkte zwischen dem Kran und den Gleisen.

Direkt neben dem Kran und nahezu eingeklemmt zwischen Gleisen präsentierte sich das Wartehäuschen, seit der Güterverkehr immer mehr zugenommen hat.

Hedwig Munke und Genoveva versuchten es bei dem Traditionsbeauftragten ebenso wie bei Bürgermeister Wilhelm Meyer. Sie beriefen sich auf den Denkmalschutz. „Das ist doch geradezu ein Industriedenkmal, das darf man nicht einfach platt machen.“ Es sei schon schlimm genug, dass die Personenzüge nicht mehr bis zum Güterbahnhof fahren. Es half nichts. Der Bürgermeister entgegnete etwas von Wachstum und Körperschaftsteuer und fügte mit oberlehrerhaftem Blick hinzu: „Wenn es der Stadt besser geht, geht es auch euch besser.“
Am Freitag entschloss sich Genoveva, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie hatte irgendwie mitbekommen, dass das Häuschen am Nachmittag demontiert und wegtransportiert werden sollte. „Ich mach’ jetzt einfach ein Sit-in“, murmelte sie. So brach sie zu einem ihrer langen Spaziergänge auf, machte eine Pause im Wartehäuschen – und blieb drin, auch als der Rungenwagen aufs Gleis neben dem Häuschen geschoben wurde. Mit ihm sollte es abtransportiert werden. Als Kranführer Dieter Pohl seinen Arbeitsplatz bestieg, diskutierte Polizeiobermeister Siegfried Rudolph immer noch mit Genoveva. Pohl schaltete seinen Kran an, drehte ihn auf das Wartehäuschen zu und brüllte hinunter: „Was is’ denn nu’?“ – „Wir haben’s gleich“, gab Rudolph zurück. Und sagte zu Genoveva: „Komm, wir gehen. Ich muss dir doch nicht etwa Handschellen anlegen?“ – „Na gut“, sagte Genoveva, „das kostet aber eine Runde im Dorfkrug.“

Genoveva versucht gestenreich die Obrigkeit zu überzeugen. Aber Polizeiobermeister Siegfried Rudolph gelingt es am Ende doch, sie zum Aufgeben zu bewegen.

Genoveva stand auf, Rudolph auch, und als sie am alten Fachwerkgebäude des Güterbahnhofs vorbeikamen, zeigte er auf die dort stehende Bank: „Wenn du in Zukunft deine Spaziergänge machst, kannst du dich auch hier ausruhen. Jürgen erlaubt es dir bestimmt.“
Geräuschvoll drehte der schon etwas betagte Scheibenkollektormotor des Krans hoch. Zugleich senkte sich der Haken über das Wartehäuschen. Als er tief genug unten war, ergriffen zwei Arbeiter die herunterhängenden Seilenden und vertäuten sie mit dem Gebäude,
Pohl hob erst vorsichtig, dann zügig den Haken. Das ganze Gebäude einschließlich Bodenplatte erhob sich. Pohl schwenkte den Ausleger über den Rungenwagen, und assistiert von den beiden Arbeitern, ließ er das Wartehäuschen hinunter auf die Ladefläche. Wenig später setzte sich die Rangierlok in Bewegung und brachte den Waggon zum Güterzug, der schon auf Gleis 3 wartete. Die letzte Reise des Wartehäuschens hatte begonnen.
„Es gibt Schlimmeres“, resümierte Genoveva am Abend bei einem Glas Wein mit Polizeiobermeister Rudolph. „Vielleicht gibt es ja irgendwann ja mal wieder einen zusätzlichen Haltepunkt auf der Strecke nach Wildenranna.“

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